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Brecht2025 – Dichter, Denker, Dramaturg

Am 10. Februar jährt sich der Geburtstag des international bekannten Denkers, Dichters und revolutionären Theatermanns Bertolt Brecht. Geboren wurde er 1898 in Augsburg und er starb am 14. August 1956 in Ostberlin.

Weltweit gehört Brecht zu den einflussreichsten Dramatikern, seine Stücke werden auf den großen Bühnen der Welt inszeniert und gespielt. Seine Lyrik und seine Sprachkunst machten ihn bereits zu Lebzeiten zu einem der einflussreichsten Dichter des 20. Jahrhunderts und haben bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren. Und auch seine gesellschaftskritische Sicht auf Kriegs- und Nachkriegszeit bleibt bis heute aktuell.

Der sensationelle Erfolg der Dreigroschenoper im Jahr 1928 sorgte für den Durchbruch des Brecht’schen Theaters und seines Ensembles in Berlin und in ganz Europa. Sie gilt in der Theaterlandschaft bis heute als die erfolgreichste deutsche Bühnenproduktion des 20. Jahrhunderts. Die Dreigroschenoper war auch das erste Stück, das nach dem Kriegsende im zerbombten Berlin aufgeführt wurde – 1945 im teilweise zerstörten Hebbel-Theater. Die Musik dazu komponierte Kurt Weill. Insbesondere der Song Mackie Messer wurde ein Welthit und wird immer wieder neu interpretiert und gecovert. Nach der Originalfassung – gesungen von Kurt Gerron in der Uraufführung oder Lotte Leyna, der Ehefrau von Kurt Weill – gab es eine Vielzahl weiterer Interpretinnen und Interpreten dieses Liedes: Marlene Dietrich, Ella Fitzgerald, Hildegard Knef, Nina Hagen, Ute Lemper, Louis Armstrong, Frank Sinatra, The Doors oder Max Rabe. Auch Sting sang das Haifisch-Lied, sogar mit deutschem Text!

Nach der Machtübernahme der Nazis bestimmten Verfolgung, Flucht und Exil für viele Jahre das Leben von Bertolt Brecht und seiner Familie, zu der seine Frau Helene Weigel gehörte. Sie war seine lebenslange Begleiterin und Arbeitskollegin: Als Schauspielerin in der Rolle der Mutter Courage und als Intendantin des Theaters am Schiffbauerdamm, dem späteren Berliner Ensemble, schrieb sie ihre eigene Erfolgsgeschichte.

Auf allen Stationen seines Lebensweges bevorzugte Brecht für seinen produktiven Arbeitsalltag Räumlichkeiten in ruhiger Lage und einen eigenen Arbeitsraum mit vielen Tischen, auf denen er seine Gedanken in Form von Textentwürfen ausbreiten konnte. Helene Weigel und andere Frauen wie Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Ruth Berlau sorgten dafür, dass er seine Gewohnheiten überall aufrechterhalten konnte, um produktiv zu sein. Alle seine Frauen hatten ihren Anteil am Werk Brechts und an seinem Erfolg. Sie fungierten als Partnerinnen, Co-Autorinnen, Managerinnen und Marketing-Assistentinnen sowie zeitweise als Geliebte. Selbst in Zeiten der Emigration blieb er immer von einem Netzwerk liebender und unterstützender Frauen umgeben, die für ihn recherchierten, organisierten, koordinierten und Kontakte zu Verlagen knüpften.

Als Dichter startete er frühmorgens in sein Tagewerk und widmete sich dem Schreiben. In der ruhigsten Zeitspanne verfasste er seine Gedichte, Erzählungen und Theaterstücke. Als Dramaturg oder Regisseur arbeitete er nachmittags im Theater und auf der Bühne und erfreute sich am Dialog mit den Schauspielerinnen und Schauspielern sowie den Auseinandersetzungen mit den Regieverantwortlichen. Nach seinem eigenen Credo „Misstraue stets deinem ersten Einfall“ war ihm das spielerische Experimentieren die liebste Arbeitshaltung. Improvisation und Lockerheit waren ihm ebenso wichtig wie der Ausdruck einer präzisen sozialen Haltung.

Als wesentlicher Bestandteil des von ihm entwickelten epischen Theaters gilt der Verfremdungseffekt. Mit einer kritischen Distanz wollte Brecht das Publikum für die Widersprüche und die Ungereimtheiten des Lebens sensibilisieren. Alles Verhalten sah er als Folge von Umständen und Verhältnissen. Im Augenblick und in der Momentaufnahme liegt für ihn der Reiz des Schauspiels – und den wollte er auf der Bühne herausgearbeitet sehen. Brecht ermunterte junge Menschen in seinem Dunstkreis sowie Kolleginnen und Kollegen das experimentelle Andere dem gewohnten Vertrauten vorzuziehen. Seine Kunst war für ihn gesellschaftlicher Auftrag. Als künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles prägte Brecht die Kunstszene im Ostberlin der Nachkriegszeit. Als Künstler und Dramatiker prägt er die Theaterszene bis heute. Ab 1954 erlangte sein episches Theater Weltruhm mit den Erfolgen der Mutter Courage und des Kaukasischen Kreidekreises in Paris und dem Erfolg der Dreigroschenoper in Mailand.

Die Verleihung des Stalin-Friedenspreises unter dem Motto „Für die Festigung des Friedens unter den Völkern“ veranlasste ihn 1955 zu einer Reise in den Kreml. Seine Dankesrede nutze er als Anlass, seine politische Sicht darzulegen und die Sicherung des Weltfriedens als wichtigstes Problem der Menschheit aufzuzeigen.

Brecht fühlte sich herausgefordert von Kunst unter sich verändernden Bedingungen. Viele seiner Stücke entstanden auf der Flucht und integrieren Aspekte des Lebens, die er in jenen Kulturräumen vorfand. Und möglicherweise auch seine persönlichen Empfindungen, die ihn als Flüchtling ohne Pass verletzlich machten. Doch sein wichtigstes Anliegen lag wohl darin, eine Gesellschaft mitzugestalten, die einer sozialistischen Idee folgt. Ostberlin war dafür das geeignetere Pflaster. Selbst in Zeiten einer parteipolitisch geprägten Kulturpolitik blieb er ein Freigeist und entzog sich vielen Versuchen einer Vereinnahmung durch den Osten wie auch durch den Westen. Zeitlebens war er aber wohl mehr dem Sozialismus gewogen, da dieser per Postulat für die Überwindung der Klassen und die Sicherung des Friedens einstand. Damit schaffte er sich Gegner in der westlichen Welt. Die derzeitige globale Entwicklung unserer kapitalistischen Gesellschaft mit Klimakrise, Rohstoffknappheit und zunehmenden sozialen Ungerechtigkeiten macht Brecht heute wieder aktueller denn je.

Auch wenn Hannah Arendt zufolge Brecht bis zu seinem Tode friedlich unter den besten Bedingungen in Ostberlin hatte leben und arbeiten können, so zahlte er dafür doch einen Preis: „Er musste Dinge mitansehen, die er sich bis dahin immer nur hatte vorzustellen brauchen, um sie dann anders auszulegen.“ Nach Arendt verlor Brecht dabei seine poetische Distanz und büßte letztendlich seine inspirierende Sprachvirtuosität als Dichter ein. Vielleicht lagen ihr aber auch nicht alle seine Dichtungen und Schriften vor!? Brecht war zwar ein Aushängeschild der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und prägte die östliche Kulturlandschaft mehr, als sie ihn zu reglementieren vermochte. Dennoch hatten seine schriftlichen Reaktionen auf den Aufstand vom 17. Juni 1953 zur Folge, dass seine Schriften nicht mehr vollständig veröffentlicht wurden. Erst nach der Wende 1989 wurden wichtige Fakten wieder zugänglich, die sich u.a. in Werner Hechts Buch „Brechts Leben in schwierigen Zeiten“ (2007) nachlesen lassen.

Die Lösung (1953)


Nach dem Aufstand des 17. Juni 
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands 
In der Stalinallee Flugblätter verteilen 
Auf denen zu lesen war, daß das Volk 
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe 
Und es nur durch verdoppelte Arbeit 
Zurückerobern könne. Wäre es da 
nicht doch einfacher, die Regierung 
Löste das Volk auf und 
Wählte ein anderes?

Werner Mittenzwei vergegenwärtigt in seiner Brecht-Biografie „Das Leben des Bertolt Brecht oder der Umgang mit den Welträtseln“ (zuerst erschienen im Aufbau Verlag 1986), wie Zeit und Ort Brechts Leben prägten, welche Quellen in sein Werk einflossen und auf welche Wirkungen es ausgerichtet wurde. Und Wirkung zu erzielen, stellte er stets in den Vordergrund seines Schaffens und über seine persönlichen Belange. Somit bleibt es an uns ihn an seinen Werken zu beurteilen. Selbst dann, wenn wir Brecht in seiner Haltung zu Stalin einen blinden Fleck attestieren oder eine zu pragmatisch-taktische Haltung – denn konkrete Kritik am Totalitarismus des Stalinregimes lässt sich in seinem Werk nicht finden –, und selbst dann, wenn der Name Stalin nicht in seinem Werk erkennbar wird, sondern nur versteckt in Gedichten und posthum als Ni-en in Me-ti. Buch der Wendungen erscheint, sollten wir uns vor Augen halten, dass er die Nachgeborenen um Nachsicht gebeten hat und sein Leben in den Dienst der Aufklärung stellte.

Seine Streitbarkeit im Umgang mit den Welträtseln und den Widersprüchlichkeiten des Lebens darf uns also heute noch Vorbild sein oder, wie es Mittenzwei formuliert hat: „Brecht, der als Dichter den Lebenden riet, auf nichts mehr zu bauen als auf die Widersprüche, besteht vor der Nachwelt, weil den Menschen in ihren bedrohlichsten Situationen gerade noch soviel an Ausweg bleibt. Die Welträtsel werden nicht gelöst, aber weh der Welt, die die Anstrengung verweigert, so zu leben, als könne man sie lösen.“

An die Nachgeborenen (1934-1938)


Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!


Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn

Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende

Hat die furchtbare Nachricht

Nur noch nicht empfangen.


Was sind das für Zeiten, wo 

Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist

Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Der dort ruhig über die Straße geht

Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde

Die in Not sind?


Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt

Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts

Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.

Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt

Bin ich verloren.)


Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!

Aber wie kann ich essen und trinken, wenn

Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und

Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?

Und doch esse und trinke ich.


Ich wäre gerne auch weise

In den alten Büchern steht, was weise ist:

Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit

Ohne Furcht verbringen

Auch ohne Gewalt auskommen

Böses mit Gutem vergelten

Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen

Gilt für weise.

Alles das kann ich nicht:

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!


In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung

Als da Hunger herrschte.

Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs

Und ich empörte mich mit ihnen.

So verging meine Zeit

Die auf Erden mir gegeben war.


Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten

Schlafen legt ich mich unter die Mörder

Der Liebe pflegte ich achtlos

Und die Natur sah ich ohne Geduld.

So verging meine Zeit

Die auf Erden mir gegeben war.


Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit

Die Sprache verriet mich dem Schlächter

Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden

Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.

So verging meine Zeit

Die auf Erden mir gegeben war.


Die Kräfte waren gering. Das Ziel

Lag in großer Ferne

Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich

Kaum zu erreichen.

So verging meine Zeit

Die auf Erden mir gegeben war.


Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut

In der wir untergegangen sind

Gedenkt

Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht

Auch der finsteren Zeit

Der ihr entronnen seid.


Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd

Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt

Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.


Dabei wissen wir ja:

Auch der Hass gegen die Niedrigkeit

Verzerrt die Züge.

Auch der Zorn über das Unrecht

Macht die Stimme heiser. Ach, wir

Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit

Konnten selber nicht freundlich sein.


Ihr aber, wenn es soweit sein wird

Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist

Gedenkt unsrer

Mit Nachsicht.

Literatur:

Arendt, Hannah (1971): Benjamin, Brecht – zwei Essays. München: Piper.

Hecht, Werner (2007): Brechts Leben in schwierigen Zeiten. Geschichten. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Mittenzwei, Werner (1988): Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.

Klaus-Detlev Müller (1994): Brecht und Stalin. In: Jürgen Wertheimer (Hrsg.) (1994): Von Poesie und Politik. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-47441. http://hdl.handle.net/10900/46670. https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/46670 (letzter Aufruf 17.08.2023)

Material über Bertolt Brecht und Aktuelles zu ihm finden sich an vielen Stellen im Netz und in der Literatur. Die folgende Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

https://www.berliner-ensemble.de/premieren-2023-24

https://www.berlin.de/tickets/theater/brechts-gespenster-60c9caf7-9fb1-4c6d-94a4-00224f2e3258/

https://www.augsburg.de/kultur/museen-galerien/brechthaus

https://www.brechthaus-augsburg.de/termine/

https://youtu.be/RmfC-Lu-w58

https://www.dreigroschenheft.de/hefte-zum-download/51-jahrgang-2023

https://www.buechergilde.de/brecht-ticha

https://www.st-pauli-theater.de/programm/die-dreigroschenoper-2/var/ri-48.l-L1/

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sie suchen Leute aus, die sogar mehr draufhaben als sie selbst und die auch anders ticken als sie selbst; sie sind offener für Minderheiten und Frauen; sie entscheiden aus dem Bauch heraus, wen sie fördern; sie passen den Job den Talenten an und suchen nicht für bestimmte Stellenprofile die idealen Kandidaten; sie haben hohe Erwartungen an den Nachwuchs und geben ihm viel Verantwortung; sie akzeptieren, wenn die Topleute auch wieder gehen (was dem Image des „Super-Bosses“ gar nicht schadet, weil alle ohnehin bei ihm arbeiten wollen); sie halten auch danach noch Kontakt, fungieren also auch später noch als Mentor, selbst wenn die Betroffenen längst selbst erfolgreich sind.  Eine Checkliste für ganz normale Führungskräfte? Warum nicht: Dazu braucht es lediglich das Vertrauen in die eigene Stärke. Aber vermutlich unterscheidet genau das die wahren Führungspersönlichkeiten vom Rest. *Sydney Finkelstein ist Professor für Management und Leiter des Tuck Executive Programm an der Tuck School of Business am Dartmouth College in New Hampshire. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Strategieentwicklung und Entscheidungsprozesse sowie Personalführung Kommentar von Beatrix Sieben: Mit Blick auf den amtierenden US-Präsidenten ist es erfreulich, dass es auch andere Führungs- und Erfolgskonzept gibt.
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Alles braucht seine Zeit! Das klingt erst einmal nicht gerade nach einer besonders tiefsinnigen Erkenntnis. Blicke ich aber zurück auf die vergangenen Jahre meines Lebens, erkenne ich in diesem Ausspruch eine versöhnliche Wahrheit: Zeit ist eine eigene Domäne. Sie ist nicht recht zu packen. Wenn ich ganz vertieft und konzentriert eine Tätigkeit ausführe, dann vergeht meine gefühlte Zeit wie im Fluge, irgendwie auf wunderliche Weise. Schneckenähnlich langsam hingegen kriecht sie voran, wenn ich unfreiwillig abwarte, was als Nächstes geschehen wird, und als noch schlimmer erlebe ich es, wenn ich warten muss und nicht warten will. Noch vor zehn Jahren langweilte ich mich in den Wartezimmern von Arztpraxen ebenso wie bei meinem Friseurbesuch oder in der Schlange vor einem Ticketschalter: Heute habe ich Lesestoff dabei oder genieße bewusst und dankbar dieses Geschenk einer Pause.  Der Zeit ist mein persönliches Empfinden egal. Die Zeit als solche ist weder sichtbar noch greifbar. Es ist die tickende Uhr im Wartezimmer, die mir eine Rückmeldung gibt, oder das Smartphone, welches die dekorative Armbanduhr in weiten Bevölkerungskreisen bereits abgelöst hat. Was also macht die Zeit für viele zu einem Feind? Weshalb treten wir gegen sie an wie bei einem Wettlauf oder ringen mit ihr wie mit einem Gegner auf der Matte? Weshalb versuchen wir, die Zeit unter Kontrolle zu bringen? (Es gibt ja unzählige Ratgeber und Seminare zum Thema „Zeitmanagement“, aber irgendwie scheint dieser Weg nicht zu funktionieren.) „Life is what happens to you, while you are busy making other plans“ wird gerne als Zitat John Lennon zugeschrieben, der in den frühen Siebzigerjahren seinen persönlichen Ausstieg bei den Beatles aus einem für ihn zunehmend fremdbestimmten Leben realisierte. Liegt darin des Pudels Kern? Geht es gar nicht um Zeit, geht es eigentlich um Freiheit? Es ist leicht nachzuvollziehen, dass wir unsere Lebenszeit für sehr unterschiedliche Tätigkeiten einplanen und verwenden. Auch unser soziales Leben erfordert Koordination und Balance. Nach K.H. Geißler zählt das Wort „Zeit“ zu den am häufigsten gebrauchten Wörtern unserer Alltagssprache. Vielleicht macht uns eher als die Zeit die Hektik des Alltags zu schaffen, die wir glauben nur durch einen Kampf besiegen zu können!? Ähnliche Gedanken gingen vielleicht auch Bertolt Brecht durch den Kopf, als er 1953 sein Gedicht „Radwechsel“ verfasste: Ich sitze am Straßenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld? Bertolt Brecht (1898–1956)
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