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Buchrezension: Faschismus. Eine Warnung
von Madeleine Albright

Madeleine Albright, die frühere amerikanische Außenministerin und nach wie vor eine der beliebtesten Politikerinnen der USA, widmet ihr Buch „Faschismus. Eine Warnung“ den Opfern des Faschismus damals und heute sowie all denen, die den Faschismus der anderen und ihren eigenen bekämpfen. Vorangestellt hat sie ihrem Buch ein Zitat des italienischen Holocaust-Überlebenden Primo Levi:


„Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Faschismus.“


Als Politikwissenschaftlerin weist Albright von Beginn an auf den sich stets wandelnden Charakter radikaler und faschistischer Bewegungen hin. Was ihnen allen gleich ist und was sie selbst als Kind erfahren musste, ist, wie sie Angst und Schrecken verbreiten und mit dieser Einschüchterungsoffensive Freiheit und Demokratien zerstören.


Mit einem Rückblick auf den Beginn des 20. Jahrhunderts – einer Zeit des Umbruchs, voller Entbehrungen und Enttäuschungen – erklärt sie, wie es neben demokratischen Gehversuchen auch der Faschismus an die Macht schaffte.


Albright räumt ein, dass jede politische Bewegung Sprache als Ausdrucksmittel verwendet und Kernaussagen rhetorisch zuspitzen wird. In dieser Weise lassen sich demnach alle Parteien als „populistisch“ einschätzen, so die Autorin. Was sich aber unterscheiden lässt und was die  Gefahr für Freiheit und Demokratie darstellt, ist die Absicht von Populisten, eine Heldenverehrung etablieren zu wollen und in letzter Konsequenz jeglichen Wettbewerb auszuschalten.


Faschismus verlangt Unterwerfung


Albrights Blick richtet sich auf „das Institutionenverständnis, mit dem sich auf das Menschenbild führender Politiker schließen lasse“ (S. 21). Die Männerriege, die Albright in den Beiträgen ihres Buches beschreibt, macht keinen Hehl aus deren demonstriertem (Größen-)Wahn, der einzig würdige Repräsentant ihres Volkes zu sein. „Ein Faschist erwartet, dass das Volk hinter ihm steht.“ (S. 21) Nach Albright „wird ein Faschist ein Tyrann sein, aber ein Tyrann muss nicht zwangsläufig ein Faschist sein“ (S. 21). Faschisten wiegeln Menschen auf und demonstrieren Macht und Bereitschaft zur Durchsetzung, wenn nötig mit Gewalt. Ausgrenzung ist eine ihrer Leitideen. Sie verwenden autoritäre Sprachbilder und demonstrieren sozial dominante Verhaltensweisen.


„Was eine Bewegung faschistisch macht, ist nicht die Ideologie, sondern die Bereitschaft, alles zu tun, was nötig ist – einschließlich Gewaltanwendung und der Missachtung der Rechte anderer –, um sich durchzusetzen und Gehorsam zu verschaffen.“ (S. 268)


Blick zurück auf die Anfänge


Die Autorin schaut erst nach Italien, dann nach Deutschland und führt vor Augen, dass „Hitler jahrelang beteuerte, seine Absichten seien ausschließlich friedlicher Art […]“ (S. 56) und wie er nach heutiger Expertenmeinung Authentizität in der Politik von Anbeginn an widersprach:


„Hitler verbreitete schamlos Lügen über sich und seine Feinde. Er überzeugte Millionen Frauen und Männer davon, dass er sich um sie sorge, während er sie in Wahrheit mit Freuden geopfert hätte.“ (S. 54)


„Der Faschismus speist sich aus sozial und wirtschaftlich bedingter Verbitterung, beispielsweise aus der Überzeugung, dass andere Leute besser behandelt werden, als sie es verdienen, während man selbst nicht das bekommt, was einem zusteht.“ (S. 274)


Kritik an Trump


Als Spitzenpolitikern schaut Madeleine Albright auch hinter den Vorhang. Sie kann aus dem Nähkästchen plaudern und bisher nicht veröffentlichte Beobachtungen einbringen. So beschreibt sie die Bewunderung des amtierenden Präsidenten für Autokraten mit einer nahezu geschmacklosen Verehrung von „bösen Kerlen“, an denen er immer etwas Gutes herausstellt. Sie zitiert einige Bemerkungen über Diktatoren, denen er mit seinen Betrachtungen ein Heldenepos anheftet. Die Autorin weist darauf hin, dass Autokraten, Diktatoren und Faschisten nur bedingt von ihrem übersteigerten Nationalgefühl gesteuert werden, sondern dass sie vielmehr mit einem genuinen Hass auf Einengungen durch Gesetzeswerke blicken, welche die Bürger- und Menschenrechte schützen.


Ihr Blick auf Donald Trump war schon 2018 kritisch, damals hat sie nicht wissen können, dass er noch einmal wiedergewählt werden würde. Mit Blick auf Donald Trump schreibt sie:


„Es ist befremdlich, dass jemand wie dieser Präsident, der sich stets für den Allerbesten hält, blind zu sein scheint gegenüber dem, was das Wichtigste an Amerika ist.“ (S. 249)


Sie benennt Trumps Verachtung der Medien und des Rechtsstaates und weist darauf hin, welche Konsequenzen sich aus solch einem Verhalten für die Staaten, aber auch für die ganze Welt ergeben können.


Umgang mit Ungeheuern


Albright ermuntert dazu, das Jammern und Klagen über den Kapitalismus oder das Establishment aufzugeben, da sie dies für Nebenschauplätze hält. Ihr geht es um die konsequente Verteidigung parlamentarischer, justiziabler und medialer Unabhängigkeit.


„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird“, zitiert die Autorin Nietzsche und ermahnt uns alle, als Demokraten nicht zu nachlässig zu sein, wichtige Fragen zu stellen und nach den Antworten zu suchen. Bei dieser Tätigkeit, für die wesentlichen Probleme unserer Gesellschaft Lösungen zu finden, gilt es, sich „nicht von Marktschreiern manipulieren zu lassen“ (S. 291), die Entschlusskraft heucheln und dabei nur eigene Interessen verfolgen. Es gilt auch, nicht die Augen zu verschließen und zu denken, dass das Schlimmste schon vorübergehen werde. Den zu seiner Zeit umstrittenen US-Präsidenten Abraham Lincoln bringt sie in Erinnerung, der heutzutage von verschiedensten Kräften und Nationen verehrt wird. Für Lincoln und auch für Nelson Mandela sagt sie: „Beide kämpften gegen Ungeheuer; keiner der beiden wurde selbst zu einem“. (S. 294)


Fazit


Ein Buch des Erinnerns, des Reflektierens und des Beobachtens. Ein lautes Nachdenken über eine mögliche Rückkehr zu einem internationalen Klima der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein Blick mit Sorge in aufkommenden finsteren Zeiten, die es dem Faschismus erlauben, von der Straße bis in die hohen Staatsämter vorzudringen. Keine aufbauende Lektüre, keine hoffnungsvollen Aussichten, aber auch kein Untergangsepos. Das Buch einer aufrichtigen Demokratin, die ihre Gedanken und Überzeugungen weitergibt, um die Demokratie weltweit zu stärken.


Angaben zum Buch


Madeleine Albright (2018): Faschismus. Eine Warnung. Aus dem Englischen von Bernhard Jenricke und Thomas Wollermann. Köln: DuMont Buchverlag. 320 Seiten. Gebundene Ausgabe ISBN-Nr. 978-3-8321-8361-5, 24,00 €. Taschenbuch ISBN-Nr. 978-3-8321-6512-3, 12,00 €. E-Book ISBN-Nr. 978-3-8321-8410-0, 9,99 €


Außerdem erschienen als Lizenzausgabe bei der Büchergilde Gutenberg: Gebundenes Buch ISBN-Nr. 978-3-7632-7083-5, aktueller (reduzierter) Preis 9,90 €


Als amerikanische Originalausgabe unter dem Titel „Fascism. A Warning“ bei HarperCollins Publishers, New York, erschienen.


(Bei der Büchergilde Gutenberg aktuell als schöne gebundene Ausgabe zum Sonderpreis erhältlich: https://www.buechergilde.de/…)


Zur Autorin


Madeleine Albright wurde 1937 als Madlenka Korbelová in Prag geboren. Ihre Familie emigrierte 1948 in die USA. Seit den Siebzigerjahren prägte Albright die amerikanische Innen- und Außenpolitik als Mitglied der Demokratischen Partei. Von 1978 bis 1981 arbeitete sie im US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsrat und ab 1993 als US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Sie war von 1997 bis 2001 unter Präsident Bill Clinton Außenministerin der USA. Bis zu ihrem Tod im Jahre 2022 war Madeleine Albright eine wichtige Stimme der internationalen Politik.

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